Flora Zimmeter

Ingrid Gaier
2023
Aus der Eröffnungsrede zur Ausstellung In Schwebe, Essingerhaus Mödling

Mit Flora Zimmeter schließt sich der Kreis des Schwebens. Ihre Arbeit „Stop motion“ bringt den ambivalenten Aspekt des Schwebens in die Ausstellung. In der Serie agieren Puppen, deren Handlungen wir nicht einordnen können. Handelt es sich um ein Spiel oder passiert gleich eine Katastrophe? Die Handlungen sind gleichsam an dem Punkt eingefroren, wo alle Optionen, positive und negative noch offen sind. Sie zeigen gleichsam einen Kipppunkt. Obwohl es sich um Siebdrucke handelt, konterkariert Flora Zimmeter das Medium, das unendliche Wiederholungen ermöglicht. Sie setzt Belichtung und Farbführung durch die Rakel so ein, dass eher Unikate der frühen Fotografie, die mit Direktbelichtungen experimentierten, und die eigene Handschrift durch einen Pinsel zitiert werden. Gefundene Gegenstände werden direkt aufs beschichtete Sieb gelegt und belichtet, man verzichtet auf eine Folie als Zwischenträger. Die Rakel wird nicht gleichmäßig, sondern in verschiedenen Farbstellungen auf dem Sieb geführt, sodass die Farbanordnung jedes Mal eine einzigartige Mischung darstellt.
Ein Siebdruck, der Malerei zitiert, und Puppen, die harmlos gefundenes Material zum Spielen verwenden, oder die gerade ein Horrorszenario zelebrieren. Wer weiß? Alles ist in Schwebe.

Manisha Jothady
2022
aus dem Katalog "Kitzbühel & Sterzing/Vipiteno"

Die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit ist weit weniger durchlässig als es uns etwa die Sozialen Medien suggerieren. Abseits der medial vermittelten Zurschaustellung des eigenen Lebens zeigt sich in der Beobachtung von Alltäglichem das menschliche Grundbedürfnis nach Privatsphäre und Abgrenzung des persönlichen Terrains. Flora Zimmeters Fotografien erscheinen in ihrer ausschnitthaften Konzentration auf Maschendraht- und Gitterzäune wie eine Metapher für dieses Phänomen. Wie in anderen Bildern aus ihrer Serie „Camouflage“ kommt auch in ihren Arbeiten für diese Ausstellung eine Art Ersatznatur ins Spiel: Mit Naturmotiven bedruckte Plastikplanen und künstliche Efeugewächse, die den Blick von außen auf das Eigenheim abschotten und darüber hinaus auf die Kluft zwischen dem Menschen und seiner natürlichen Umwelt verweisen.

Manisha Jothady
2022
aus dem Katalog "Arbeitstitel Kunstbühel"

Ein großer Teil des Reizes, der von Fotografien ausgeht, besteht darin, dass sich in ihnen einerseits Wirklichkeit verdoppelt, wir uns andererseits aber oft fragen, ob das, was wir sehen, tatsächlich so sein kann. Denn wie kein anderes Medium hat die Fotografie die Möglichkeit, Wirklichkeit nicht nur zu dokumentieren, sondern sie auch zu inszenieren oder zu manipulieren. Flora Zimmeter macht sich für ihre Fotoserien sämtliche Potenziale des Mediums zueigen. In der Vergangenheit setzte sie beispielsweise kleine Puppen nach dem Vorbild von Frauenfiguren aus bekannten Meisterwerken in Szene. „Role Models“ (2013/14) titelte die daraus entwickelte Serie. Auf die Technik der digitalen Fotomontage griff sie wiederum für „Paradise Lost“ (2017) zurück. Hier wie dort hinterfragte sie tradierte kulturelle Normen, Schönheitsideale und Geschlechterrollen. Neben den Fotografien entstehen immer wieder auch druckgrafische Arbeiten.

In der Jubiläumsausstellung ist nun eine Auswahl aus Zimmeters Serie „Camouflage“ zu sehen. Auch sie hat gewissermaßen mit normierten ästhetischen Vorstellungen zu tun. Die ausgestellten Aufnahmen entstanden im Dezember 2019 in Kitzbühel und lenken den Blick auf vordergründig Unauffälliges. Erst bei eingehender Betrachtung werden Irritationsmomente freigesetzt. Wir sehen eine Holzwand, deren unteres Ende seltsam labbrig und instabil wirkt. In einer Detailansicht davon nehmen wir Abnutzungsspuren wahr, die für kein Holz dieser Erde charakteristisch sind. Dass die Pfingstrosen hinter dem Maschendrahtzaun in Anbetracht des vertrockneten Laubs in voller Blüte stehen, verwundert ebenfalls. Auch, dass die Außenwelt sich wie ein Dunst über die Landschaft aus Moos legt. Flora Zimmeter führt uns hier die künstliche Inszenierung von Natur vor Augen: Kunstmoos hinter einem Schaufenster, Kunstblumen, die dem Wechsel der Jahreszeiten trotzen, eine Plane mit aufgedruckter Holzmaserung, die eine dahinterliegende Toilettenanlage kaschiert. Camouflage, Täuschung oder Tarnung – ein Phänomen, das jedenfalls auf Imitation und dem Erzeugen von Illusion aufbaut. Die Tatsache, dass sich die Künstlerin im Rahmen dieser Fotoserie keiner bildverfremdenden Mittel bedient hat, erscheint deshalb umso erwähnenswerter. Hält doch das alltägliche Entdecken und Erleben, wie die Serie zeigt, ausreichend täuschend Echtes bereit.

Hartwig Knack
2021
aus dem Katalog "Entwürfe und Wirklichkeiten"

Bereits vor fast zwei Jahrzehnten beschäftigte sich Flora Zimmeter in ihrem Werkblock „Periphere Idyllen“ mit Gartenzäunen, Gittern und Hecken, die fremde Blicke von privaten Refugien fernhalten sollen. In ihrer neuen Fotoserie mit dem Titel „Camouflage“ bilden erneut Zäune, teils mit bedruckten Kunststofffolien versehen, teils mit dahinter gesetzten Bepflanzungen, die Motive. Die Blätter, Blüten und Ranken der Sträucher scheinen mit den industriell gefertigten Einfriedungen eine Art Symbiose einzugehen und bilden gemeinsam die blickdichte Grenze zwischen innen und außen.

Hartwig Knack
2016
aus dem Katalog "Schöner Wohnen"

Flora Zimmeters Blicke durch Hecken und Zäune fördern oftmals Skurrilitäten zu Tage wie zum Beispiel eine an einem Baum hängende aufgeblasene Sex-Puppe. Mit ihrer umfangreichen Fotoserie „Periphere Idyllen“ wirft die Künstlerin Fragen auf: Warum stellen sich Menschen antikisierende Frauenfiguren und Tierfiguren wie Löwen oder Stiere, Engel und Gartenzwerge auf ihre Grundstücke? Besteht das Bedürfnis nach einer Präsentation kitschiger Schmuckobjekte? Besteht der Wunsch nach Repräsentation oder nach Vorführung von Trophäen, Herrschafts- oder Männlichkeitssymbolen? Spielen Reminiszenzen an das 19. Jahrhundert eine Rolle, einer mondänen Zeit, in der die gründerzeitliche Wienerwaldvilla ihre Geburtsstunde hatte? In der Bildfolge „Tatort Thujenhecke“ lässt Zimmeter ihrer Fantasie freien Lauf und erzählt in Form einer szenischen Abfolge den Mord an einem Gartenzwerg.

In den zweiteiligen Arbeiten mit dem Titel „Hinter grünen Hecken läßt sich’s gut verstecken“ zeigt Zimmeter identische Blickwinkel zu verschiedenen Jahreszeiten. In den Sommermonaten sind die belaubten Grenzen dicht, im Winter eröffnen sich ungeahnte Ansichten und Durchsichten, die hinter die sonst verborgenen Dinge blicken lassen.

Berthold Ecker
2001
aus dem Katalog "Bilder von Wienern"

… Auch Flora Zimmeter vereint mehrere Einzelaufnahmen zu einem Bildganzen, behält aber mit ihren bullaugenartigen Ausblicken auf Hinausblickende doch die sequentielle Perzeption bei. Die Auflösung des Motivs in extrem grober Körnung impliziert den verstohlenen Akt der Wahrnehmung derer, die in so typischer Weise am Fenster lehnen und verstärkt damit die ironische Wirkung der „schönen Aussicht“.